Bewegung und Landschule
Eine Bewegung, die um die Erneuerung des sittlichen, politischen und wirtschaftlichen Lebens unseres Volkes aus seinen gesunden Kräften heraus und verwurzelt in der Tradition und dem gesunden Boden der Heimat kämpft, muß notwendigerweise auch in intensivste Berührung kommen mit der Landschule, d. h. der Volksschule auf der Landschaft. Bewegung bedeutet für uns Fortschreiten in und mit der Zeit, Entwicklung, muß also immer wieder begegnen dem, was wird, in einem Volk der Jugend und damit der Erziehung. Wo Erneuerung und Erziehung beginnen müssen, darin ist zweifellos unsere Bewegung einig mit dem größten modernen Erziehungsphilosophen: Pestalozzi, weil ja auch er Erziehung nur auf religiöser Grundlage im Verband der häuslichen Gemeinschaft, der Familie als möglich erachtet. Wenn er die Erziehung zur Menschlichkeit, also zum guten Willen, zum geschärften Gewissen, zur Urteilsfähigkeit und Lebenstüchtigkeit auf dem Wege der Selbständigkeit, der Heimatlichkeit, Entwicklungsgemäßheit, Milieuförmigkeit und Anschauung im weitesten Sinne erreichen will, dann kann das eben umfassend nur geschehen in der gesunden Familiengemeinschaft. Diese Tatsache bewußt anzuerkennen kann für alle, die an der Erziehung eines heranwachsenden Geschlechtes verantwortlich mitzuarbeiten haben — Familie, Kirche und Schule —• nur von Vorteil sein. Zum Wohle unserer Jugend möchte man wünschen, daß diese Einsicht immer mehr unser ganzes Volk durchdringe. Wo anders als bei dem dem Boden der Heimat am meisten verpflichteten und verbundenen Stande — dem Bauernstande — wären die Voraussetzungen zur gesunden Familie umfassender und größer! Wenn heute neben der Familie und der Kirche die Schule einen aus der Bildung und Erziehung der Jugend nicht mehr wegzudenkenden Platz einnimmt, dann stehen wir als Angehörige des Lebenskreises unserer Bewegung so recht unmittelbar vor dem Problem der Landschule. Deutlich fühlen und erkennen da Eltern und Lehrer, daß lebenaufbauende Arbeit an der Jugend nur in Arbeit miteinander, nie aus-einander oder gar gegen-einander möglich ist. Dieses tiefe Erkennen und gegenseitige Anerkennen ist aber von einem geistigen Ausmaße, daß nur wirklich hochstehende, selbsterzogene Frauen und Männer es erringen können. Da dürfen wir feststellen — ohne unbescheiden zu sein — solche Größe schenkt Frauen und Männern unsere Bewegung in ihrer intensiven Schulungsarbeit auf allen Gebieten als einzige Volkshochschule unseres Landes für das Landvolk, vor allem in unserer Hausmutterschule auf dem Möschberg, an den zentralen Bildungskursen daselbst, aber auch an den Schulungstagen im Lande herum und in der weitverzweigten Gruppenarbeit. Natürlich kann man — wie bei aller Erzieherarbeit — den Erfolg nicht messen, aber um so mehr erahnen, wenn wir die Summe der oft verborgenen Arbeit bei allen erwähnten Gelegenheiten an unserem geistigen Auge vorüberziehen lassen. Jeder Lehrer, besonders jeder junge Lehrer, muß, wenn er von seinem Beruf ergriffen ist, mindestens ahnen können, was eine solche Stütze, eine solche Erwachsenenbildung und -erzieliung bedeutet fiir seine Arbeit, seinen Stand und ihn persönlich! Wer nämlich auf diesem Llöheweg unserer Bewegung zu wandern das Vorrecht hat, beurteilt von hier aus so manches in der Landschule gar neu und nach lichteren Gesichtspunkten. Denken wir nur an Ziel und Weg der Erziehung, den «guten» oder «schlechten» Lehrer, an Schulgeist und Lehrmittel, Schullokale und Plätze, Aufwand an Zeit und Geld und vieles andere. Ich möchte bloß einige Punkte herausgreifen. Wie sehr man im Unklaren ist über das Erziehungsziel, zeigen uns die Kämpfe um die sog. Zweckartikel neuer Volksschulgesetze. Aber ebenso groß ist die Unklarheit bis weit hinauf in unserem Volk über die speziellen Aufgaben der Volksschule, für uns der Landschule. Wäre dem nicht so, wie könnte dann geschehen, daß alle paar Monate neuer Stoff, oft sogar neue «Fächer» der «Volksschule» aufgeladen werden sollen. Es wird zu wenig erkannt, welche große Bedeutung die Grundschule haben müßte für die Entwicklung von Charakter, Gemüt und Intellekt. Statt wirklichem Stoffabbau und Vertiefung erleben wir Stoffaufbau und Verflachung. Wenn Pestalozzi in der praktischen Anwendung seiner didaktischen und pädagogischen Erkenntnisse sich gelegentlich in Formalismus verfing, so ist die Schule heute weitgehend im andern Extrem, im didaktischen Materialismus verstrickt und die sogenannte Schulaufsicht redet ständig dagegen, hilft aber aus Mangel an Mut fröhlich mit ihn fördern. Wie wertvoll ist es da, wenn einzelne wenigstens Einsicht, Charakter und Mut aufbringen, das wahre Wohl der Landschule zu verfechten, daß sie wagen zu sagen, die Volksschule dürfe keine Berufsschule sein, wohl aber habe sie alles Formale zu bilden am Praktischen aus Milieu und Heimat. Gar zu oft wird heute «interessant» in der Schularbeit verwechselt mit «amüsant» und daher auch entwicklungsgemäße geistige Anstrengung mit Tändelei und Spielerei (nicht mit Spiel). Ich denke da an die grassierende «Planitis» iin Methodik-Unterricht der Seminarien und an «Handelsreisende» in diesem Artikel. Leicht käme man unter diesem Gesichtspunkt auch in Versuchung, der heutigen Wertung von Sport und geistiger Schulung nachzuspüren.
Über «gute» und «schlechte» Lehrer möchte ich mich enthalten zu reden. Jedenfalls werden aber in der Bewegung in eigener geistiger Arbeit geschulte Bauern kaum dem oberflächlichen Urteil beipflichten, Lehrer, die dem Dorfe treu bleiben, zur zweiten und die andern zur ersten Gruppe zu zählen.
Sie werden die Gründe der Abwanderung von gewiß viel Tüchtigen tiefer suchen und auch tiefgründiger, dementsprechend gerechter urteilen und handeln.
Wie ganz anders müßte aus dem Denken in der Bewegung heraus die Einschätzung, die Wertung der Schule im Landvolk werden. Oft noch gilt sie heute freilich als notwendiges aber teures Übel. Städte bauen oft — und das mit zum großen Teil aus dem Verkehr mit dem «Hinterland» fließenden Geldern — übertriebene Schulpaläste, die nur den materialistischen Ungeist noch mehr anbeten lassen, während mancherorts in den kleineren und kleinsten Gemeinden Notwendigstes fehlt. Erkenntnis der Aufgaben von Haus und Schule schafft neue Einstellung zu den Bedürfnissen auch der Landschule und Gerechtigkeit. Solange aber ein Großteil des Landvolkes Charakter und Gemütsbildung in der Schule unterschätzt, weitgehend glaubt, Verstandesschulung entfremde höchstens viele Junge dem Bauerntum und die Gründe dieser Entfremdung nicht ganz wo anders zu sehen vermag, wird es kaum zum besten stehen können mit der Landschule, aber ebenso wenig mit dem Bauernstand. Auch da stehen wir vor tiefen Zusammenhängen, vor komplexen Fragen. Bahnbrechend für notwendige Einsichten arbeitet da wieder im Landvolk die Bewegung. O o Wenn es da immer wieder Erzieher gibt, die sich der Bewegung widmen und von ihr angezogen fühlen, so ist das wahrhaftig nicht zum Verwundern! Die Bewegung wird vor der Geschichte einst ein großes Mitverdienst haben, wenn gegenüber andern übersetzten Ansprüchen auch die Landschule mehr zu ihrem Rechte kommt im Denken unseres ganzen Volkes und im Staate. Mit Hochachtung gedenken wir dabei dessen, der auch auf diesem Gebiet dem Landvolke neue Gedankengänge wies und weiter weisen wird, unseres «Doktors», nicht als ehemaligem Lehrer nach Beruf, sondern als berufenem Lehrer unseres Landvolkes und unermüdlichem Förderer der Landschule als Ganzem. Th. Mast