Der Stärkere
Aus der Praxis des organisch-biologischen Landund Gartenbaues Der Stärkere ist das Unkraut. Es läßt sich mit keinem Mittel ausrotten. Das will die Natur so aus Gründen, die unser enger menschlicher Horizont noch nicht erfaßt. Lassen wir den Boden sauer werden, wachsen Sauerpflanzen, ist er zu alkalisch, herrschen ganz andere Pflanzen vor. Halten wir ihn aber neutral, kommt die Natur den Wünschen für das Gedeihen unserer Kulturpflanzen weit entgegen. In einem Splitterdepot an der Staatsstraße wächst bürstendick Ackerschachtelhalm, ohne daß er gesät worden ist. Er ist die kieselsäurehaltigste Pflanze und gedeiht dort am besten, wo er seine naturgebundene Nahrung findet. Wir werden wohl eher auf dem Mond landen als zu ergründen, wie die Samen immer und überallhin gelangen, wo die Natur sie gebraucht. Das ist leider schon alles, was wir wissen. Das «Uchrut» handelt also gesetzmäßig, wenn es ausgerechnet in meinem Acker gedeiht. Der Landwirt muß wieder lernen, die Sprache der Natur zu verstehen. Er muß wieder Bauer werden, der mit den Lebensvorgängen im Boden einverstanden ist und freudig die Schlußfolgerungen aus ihnen zieht. Haben wir bis heute nicht nur das uns feindlich scheinende Unkraut gesehen, vergifteten es und langsam beginnen sich nun die Beteiligten, Produzenten und Konsumenten, über das angestellte entsetzliche Unheil an der Gesundheit im Boden, in den Pflanzen und in den Geschöpfen klar zu werden.
Unsere Vorfahren sind Kornbauern gewesen. Der achzigjährige Vater erzählt uns, wie wunderbar die Kornfelder des Großvaters standen. Sie haben sich ohne Gift erfolgreich mit dem Unkraut auseinandergesetzt. Weil sie den heute so verhängnisvollen Ausweg über die Chemie nicht kannten, mußten sie und konnten sie es auch. Sie haben im August die Grasnarbe geschält und dann im Oktober gepflügt. Unbewußt taten sie das Richtige mit der Oberflächenkompostierung und bewußt ließen sie den in der obersten Erdschicht ruhenden Unkrautsamen keimen. Ihre primitiven Ackergeräte verunmöglichten es, den Boden tief zu bearbeiten. Sie sind dadurch gehindert worden, die vom Bodenleben aufgebauten Schichten durcheinanderzubringen und standen gezwungenermaßen den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen viel näher als wir. Mit unseren heutigen Ackergeräten können wir die sich stellenden Schwierigkeiten mit Leichtigkeit lösen. Die Grasnarbe wird durch das Struchen, oder noch besser mit der Scheibenegge oder dem Rotovator von den Wurzeln gelöst, wenn nötig noch gehackt und dem Abbauprozeß überlassen. Das neu keimende Kraut und Unkraut fällt einem weiteren Arbeitsgang mit einem Hackgerät zum Opfer. Nach Kartoffeln ist die Unkrautbekämpfimg überhaupt kein Problem mehr. Das Lockern mit dem Kultivator genügt vollauf, die Egge zerkleinert die Schollen und die feine Krümelung, mittels der Ackerschleppe erzielt, verhindert das Austrocknen des Feldes. Und wiederum sprießt das Unkraut und kann an einem heißen Tag durch einen Eggenstrich vernichtet werden. Auch im Gemüsebau bietet sich oft die Gelegenheit, vor dem Aussäen der Kultur eine solche mechanische Bekämpfung des Unkrautes auszuführen. Wo die Gründüngung als die beste und wirksamste Grunddüngung bei jeder sich bietenden Gelegenheit gesät wird} ist das Unkraut schon bekämpft. Keimen lassen und verderben ist die einzige Art der Unkrautbekämpfung, die auf die Dauer Erfolg bringt und den Bauern von der entsetzlichen Verantwortung befreit, sich an der Gesundheit des Lebens zu vergehen. Wir entwickeln die Hacktechnik und greifen nie zum Gift. Von der Pendelhacke bis zum Vielfachgerät hat der Bauer eine reiche Auswahl für Hackgeräte, die er sogar im Getreidefeld bei weiter und exakter Saat mit Erfolg anwenden kann. Die verfeinerten Hackmethoden erlauben heute sogar, in Gemüsekulturen Gründüngungspflanzen einzusäen und im geeigneten Stadium zu hacken und als Bodendecke und beste Düngung liegen zu lassen. Werden Disteln oder Hohlzahn-«Gluren» trotzdem einmal Meister über die menschliche Klugheit, greift der Bauer nicht zum Gift, sondern zum Pflug.
Der moderne Landwirt will nichts hören von Gesundheit und Verantwortimg. Was der chemischen Industrie recht, ist ihm billig. «Soll ich meines Bruders Hüter sein?», hat nach dem alten Testament Kain auf die unbequeme Frage geantwortet. «Du Tor ...», heißt es im Gleichnis vom reichen, sich seines Erfolges freuenden Kornbauer. Es ist in unserem Falle nicht anders. Die so erzielten Erfolge verwandeln sich im Laufe der Jahre in Mißerfolge. Die Menge und Qualität der lebenden Substanz im Boden nimmt fortlaufend ab. Im gleichen Maße zerfällt die Krümelstruktur des Bodens, weil sein Baumeister, das Bodenleben, fehlt. Die zuzukaufende Düngermenge jedoch und die Pflanzenkrahkheiten nehmen ständig zu. Die immer größer und zäher werdenden Schollen muß eine neue Maschine zertrümmern usw. Und mit dem Unkraut sind die Chemiker auch nicht fertig geworden. Ihre sauberen Felder verwandeln sich Jahr für Jahr in das Gegenteil. Wie der Alkohol mit dem Durst nicht fertig wird, ebensowenig wird das Gift mit dem Unkraut fertig. In einem Falle ist der Mensch das unmittelbare Opfer, im anderen wird er es über den Acker. Hans Hurni