Kooperative Label-Kontrollen
Möschberg-Gespräch Kooperative Label-Kontrollen Am Möschberg-Gespräch diskutierte eine Arbeitsgruppe über die Unzulänglichkeiten von Labels und Kontrollen und formulierte Empfehlungen.
Ueli Ramseier.' Wer Produkte auf dem Hof in der Nachbarschaft einkauft, macht dies auch, weil ein Vertrauensverhältnis zwischen der Bäuerin2 und der Abnehmerin besteht. Ob der Hof ein Label - zum Beispiel «Bio Suisse» - hat, ist dabei zweitrangig. Das Vertrauensverhältnis hat ein grösseres Gewicht als das formale Regelwerk. Doch nur wenige Menschen haben die Gelegenheit direkt ab Hof einzukaufen. Um bei der grossen Mehrheit der Supermarkt-Konsumentinnen den Mangel an direktem Kontakt und Vertrauen zur Bäuerin zu kompensieren, werden Labels entwickelt und stimmungsvolle Werbebilder vermittelt. So soll die entstandene Distanz überbrückt werden. Labels werden heute fast ausschliesslich aufgrund unabhängiger Kontrollen mit einer anschliessenden Zertifizierung vergeben. Sie basieren auf der Vorstellung, dass das in sie gesetzte Vertrauen überprüfbar und mittels Zertifikat auch kommunizierbar ist.
Vor allem Vertreterinnen der bäuerlichen Landwirtschaft stehen den Kontrollen und Zertifizierungen zunehmend kritisch gegenüber. Dies einerseits, weil Richtlinien und Labels als technische Massnahmen die lebendigen Prozesse in der Landwirtschaft nur ungenügend abzubilden vermögen. Andererseits verursachen die Kontrollen einen hohen administrativen Aufwand, die immer komplexer werdenden Standards sind schwer zu verstehen, die Kosten für die Kontrollen sind hoch und die generalisierenden Checklisten vereinfachend. Dies führt dazu, dass sich immer mehr Bäuerinnen Alternativen zum gängigen System wünschen. Am diesjährigen Möschberg-Gespräch wurde in einer Gruppe an der Frage gearbeitet, welche glaubwürdigen Alternativen es zu «unabhängigen» Kontrollen und Zertifizierungen gibt. Als Ergebnis hat die Gruppe die nachfolgenden Empfehlungen formuliert. • Die verantwortungsvolle und damit vertrauensbildende bäuerliche Landwirtschaft fördern: Dies scheint auf dem Weg «weg von Der Autor ist Textilingenieur, Ethnologe und Landwirt. Wo nachfolgend die weibliche Form verwendet ist, wird die männliche Form mitgemeint. Vgl. http://www.bioforumschweiz.ch/upload/Moeschberg_Erklaerung.pdf Kontrolle des wachsenden Formularberges. Foto: Thomas Stephan; ©BLE, Bonn der Zertifizierung» einer der grundlegenden Rahmenbedingungen zu sein. Die Eckwerte dazu finden sich auch in der Möschberg Erklärung3 wieder. • Von anderen lernen: Die von der IFOAM4 geforderten «partizipativen Garantiesysteme» setzen auf die aktive Partizipation aller Interessensvertreterinnenund sind auf dem Fundament von Vertrauen, sozialen Netzwerken und Wissen gebaut (IFOAM 20085). Von denselben Ideen haben sich bereits die Pioniere der Biobewegung leiten lassen. • Verantwortung von Produzentinnen und Abnehmerinnen stärken: Zertifizierungen fordern die Tendenz von Abnehmerinnen, Verantwortung abzugeben. Sie sind mit dem Kauf von kontrollierten und zertifizierten Produkten sozusagen aus der Verantwortung entlassen. Mit kooperativen Kontrollsystemen müssen sich die Abnehmerinnen, aber auch die Produzentinnen, stärker mit den Werten hinter dem Kontrollsystem auseinandersetzen. Alle stehen so mit ihren Kauf- oder Produktionsentscheiden wieder stärker in der Verantwortung. • Produzentinnen-Abnehmerinnen-Gemeinschaften fördern: Die aktive Teilnahme der Abnehmerinnen am Produktionsprozess, die Nähe von Produktion und Verbrauch stärken die verantwortungsvolle Herstellung von Lebensmitteln. Aus Abnehmerinnen werden «Prosumentinnen» (Niko Paech). Dazu müssen wir bereit sein, unsere Höfe mit anderen Menschen zu teilen. • Labelkriterien gemeinsam festlegen: Bei der Festlegung der Kriterien für ein Label und damit auch der Zertifizierungen sind oft nur Spezialistinnen beteiligt. Der Einbezug von Abnehmerinnen, Produzentinnen und anderen Personengruppen macht den Prozess, Kriterien für ein Label festzulegen, zwar komplizierter und langwieriger, schafft aber eine starke Vertrauensbasis. • Komplexität reduzieren: Je kürzer der Richtlinienkatalog für ein Label ist, je weniger Hilfsstoffe und Agrochemikalien zugelassen sind, desto besser verstehen Einkaufende, wofür ein Label steht. Die fehlende Präzision wird durch Vertrauen in die wertorientierte Präambel der Richtlinien ersetzt. • Wertorientierte Präambel: In Richtlinien soll zuallererst die Wertebasis der beteiligten Personen und Organisationen ersichtlich sein. Nebst ökologischen sind auch soziale und ökonomische Werte darzulegen. Die Abnehmerinnen sehen so, auf welcher Wertebasis ein Produkt hergestelltwurde. • Beratung bei Kontrollen zulassen: Die Trennung von Standardsetzung und deren Überprüfung hat sich heute durchgesetzt. So gibt zum Beispiel Bio Suisse die Richtlinien vor, und ein Kontroll- und Zertifizierungsunternehmen führt die Kontrollen durch. Mit der Trennung von Standardsetzung und Kontrollen geht auch eine strikte Trennung zur Beratung einher. Dabei geht ein grosses Potenzial für Verbesserungen in der Produktion und für Vertrauensbildung verloren.Beratungsollte im Rahmen von Kontrollen wieder möglich sein.
Schlussfolgerung: Die Gruppe sieht in «kooperativen Kontrollsystemen» das Potenzial, die Distanz zwischen den Produzentinnen und den Abnehmerinnen zu reduzieren. Der intensive Austausch und die angeregte Ideensuche haben zu einer Reihe von Gedanken und Empfehlungen geführt, welche für die weitere Arbeit am Thema «kooperative Kontrollsysteme» hinzugezogen werden können. • International Foundation for Organic Agriculture Movements,zu Deutsch: Internationale Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen.
Vgl. http://www. ifoam.org/en/value-chain/participatory-guarantee-systems-pgs 8 > Kultur und Politik D14