Mein Biolandbau
Möschberg-Gespräch Mein Biolandbau Markus Lanfranchi, der auf seinem Hof in den Tessiner Bergen auch für die Bergheimat und Pro Specie Rara tätig ist, war beim letzten Möschberg-Gespräch voll dabei. Die offen diskutierte Frage, ob «Bio» noch gut sei, regte ihn zur Standortbestimmung «Mein Biolandbau» an.
Von der Lappalie zum grossen Neukommer Vor 25 Jahren wurde ich hart kritisiert, wenn ich an der landwirtschaftlichen Schule Plantahof das Wort «Bio» verwendete. Anlässlich seines Besuches am Plantahof sagte der damalige Bundesrat Schlumpf auf meine Frage nach der Zukunft des Biolandbaus wörtlich: «Dies ist eine Modeerscheinung, in fünf Jahren spricht keiner mehr davon!» Wenig später wurde der Biolandbau mindestens zur Nische, bevor dann in den Neunzigern der grosse Boom stattfand und viele, sogenannt konventionelle Bauern, mit höchstens mittlerer Überzeugung umzustellen begannen.
Vom Biolandbau zum Naturkrieg?
Blenden wir kurz zurück: Wann hatte der Biolandbau seine Geburtsstunde, und wer hat diesen begründet? Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir erst einmal analysieren, was den Biolandbau vom konventionellen Landbau unterscheidet. Wir stellen sehr schnell fest, dass der Biolandbau die Form unserer Ernährungsproduktion ist, welche seit der Sesshaftwerdung der Menschheit funktioniert hat und erst seit weniger als hundert Jahren nach und nach von einer chemieorientierten Bewirtschaftungsweise verdrängt wurde. Es wird klar, dass wir die Fragestellung umkehren müssten: Wann haben wir uns als Gesellschaft vom Biolandbau abgekehrt und wieso? Durch die Weltkriege haben unsere Vorfahren den Bombenbau auf der Basis von Nitratderivaten erfunden und entwickelt, bei dem grosse Mengen an Stickstoff anfielen. Sehr schnell wurde dessen Wirkung auf das Pflanzenwachstum erkannt. Auch Giftgase, welche im Krieg zur Feindesbekämpfung eingesetzt wurden, fanden den Einzug in die Landwirtschaft zur Schädlingsvernichtung! Nach Kriegsende änderten viele Rüstungsfirmen die Strategie und stellten Dünge- und Pflanzenschutzmittel her! So können wir sagen, dass die chemische Landwirtschaft im wahrsten Sinne des Wortes Krieg führt gegen die Natur!
8 > Kultur und Politik D09 Die Gründerväter der Pionierzeit des (modernen) Biolandbaues waren sich bewusst, dass wir Menschen ein integraler Teil der Natur sind unddurch die Praktizierung einer chemischen Landwirtschaft Krieg gegen uns selbst beziehungsweise gegen die Lebensgrundlage unserer Kinder führen.
Bio freut die Erde - Kohle schaufeln mit Bio?
Heute ist «Bio» weltweit ein Selbstläufer. Das haben auch die grossen Lebensmittel- und Agrokonzerne bemerkt. Es ist mittlerweile das einzige Marktsegment der Landwirtschaft, das noch Wachstum generiert. Jeder Quadratmeter Land, der biologisch bewirtschaftet wird, ist ein positives Signal an die Mutter Erde. Es gibt bereits Agromultis, die in den BioMarkt drängen, Dünge- und Pflanzenschutzmittel entwickeln, welche weniger schädlich sein sollen als konventionelle und diese durch politisches Lobbying weltweit in die Bioverordnungen einführen können. Die logische Konsequenz davon ist eine Industrialisierung der biologischen Landwirtschaft rund um die Welt! Dass dies ein Widerspruch in sich selbst ist, müssen sogar solche Bundesbeamte zugeben, dieversuchen, uns zukunftsorientierte Begriffe im Welt-Landwirtschaftsbericht wie «small farmholdings» mit Grossgrundbesitz gleichzusetzen (siehe K+P 4/08, Seite 9). Auch Begriffe wie «Biodiesel» und «Bioethanol» bringen die Glaubwürdigkeit des Begriffes Bio ins Wanken - der Griff nach «unserem» Bio durch skrupellose Finanzmanager ist leider heute bereits Tatsache! Dieser Umstand fordert von uns, neue Wege zu gehen! Agieren wir heute nicht, müssen wir morgen reagieren...
Wir können uns neu (er-)finden!
Weltweit, aber auch hierzulande, haben viele ernsthafte Biobauern immer mehr Mühe, sich zu den grossen Bioorganisationen zugehörig zu fühlen. Beim diesjährigen Möschberg-Gespräch ist dies klar zum Ausdruck gekommen Was wir nun in dieser Zeit des Wandels dringend benötigen, ist ein neues landwirtschaftliches Bewusstsein! Weg vom blossen Direktzahlungsempfänger, weg vom Landschaftsgärtner, weg von den ganzen Klischees, die in uns negative Gefühle hervorrufen und uns minderwertig fühlen lassen! Welch ausserordentliche Aufgabe wir haben, das muss uns interessieren: Wir sind die Eingeborenen, die das Land von unseren Vorvätern anvertraut bekamen und dieses nun gegen die Kräfte verteidigen müssen, welche die langfristige Fruchtbarkeit des Bodens gefährden (Versalzung durch Düngemittel, Vergiftung durch Pflanzenschutzmittel, Erosion durch Übernutzung). Gefragt ist eine neue Bewegung, die nicht wie bisher (auch im Biolanbau) beliebig viel Energie investiert, um einen Bruchteil an Nahrungsenergie zu erwirtschaften. Je industrialisierter der landwirtschaftliche Betrieb nämlich ist, umso ineffizienter ist er in Tat und Wahrheit. Jeder, der auch nur einen Gedanken daran verschwendet, muss zum Schluss kommen, dass die lokale Variante der Nahrungsproduktion und deren möglichst direkte Vermarktung die effizientere und zukunftsfähigere Strategie ist als diese zurzeit herrschende und abhängig machende globalisierte und industrialisierte (Bio-) Landwirtschaft! Es ist sehr fragwürdig, ob die Nahrung wirklich billiger ist, je weiter weg sie produziert wurde. Die zwei grossen Bio-Bewegungen - bio-organisch und bio-dynamisch - sind in ähnlichen Krisenzeiten entstanden wie wir sie heute haben. Es gibt tausend Gründe, hier und jetzt eine neue und bewegende Gruppierung von Menschen zu begründen, die zum Ziel haben, die Erde durchihre Bewirtschaftung zu bereichern - für uns und die kommenden Generationen. Versteht mich bitte richtig: Wir sollten keinesfalls die Einheit unserer Bio Suisse aufs Spiel setzen. Eher müssen wir uns unter diesem Dach neu erfinden und dann eine stärkere Rolle spielen. Die basisdemokratische Struktur der Bio Suisse bietet uns diese Option an. Markus Lanfranchi, VerdabBIO