Pferde hier, Pferde dort
Tiere Pferde hier, Pferde dort Silja Graf. Seit gut einem Jahr lebe ich oberhalb eines grossen landwirtschaftlichen Betriebs, der sich auf Pensionspferdehaltung spezialisiert hat. Rund 30 Pferde sind dort zuhause und leben inmitten eines umfassenden Angebots mit Reitplatz, Auslauf, weiten Weiden, Fressautomat, Laufband und Solarium. Im Jahr davor arbeitete ich auf einem Hof, bei welchem die Pferdepension mit 10 Plätzen als wichtiger Betriebszweig kaum wegzudenken war. Das Angebot war etwas einfacher, die anfallende Arbeit der Pferdebis Menschenbetreuung trotzdem intensiv. Bis anhin hatte ich mir kaum Gedanken darüber gemacht, was diese Nutzungsform von Stallungen, Weiden und Wiesen für die Schweizer Landwirtschaft bedeutet. Inzwischen drängen sich jedoch ein paar Fragen auf.
Nutz- oder Heimtier? Pferde können als Nutz- oder Heimtier gemeldet werden. Der veterinärgesetzliche Status bestimmt darüber, ob ein Behandlungsjournal geführt werden muss, welche Medikamente zugelassen sind undob das Tier am Ende seines Lebens geschlachtetoder eingeschläfert wird. Der letzte Punkt entscheidet also auch darüber, ob das Pferd der Nahrungsmittelkette zugeführt werden kann oder ob es in die Kadaversammelstelle kommt. Der Status eines Heimtiers ist nicht wechselbar, der des Nutztiers zu einem Heimtier jedoch schon, was auch oft geschieht. Es nehmen in der Schweiz seit den letzten 10 Jahren nicht nur die Equiden, sondern auch der als Heimtier gemeldete Anteil davon zu. Die Forschungsanstalt Agroscope erklärt diesen Anstieg durch «eine veränderte Wahrnehmung in der Gesellschaft».1 Das Wort
ventionieren, indem sie Betrieben eine Existenzgrundlage bietet. Über zwei Drittel der Equiden werden in der Schweiz auf landwirtschaftlichen Betrieben gehalten.3 Das geburtenstärkstePferd in der Schweiz ist nach wie vor der Freiberger (46%).' Freiberger sind eine robuste, ca. zweihundert Jahre alte Pferderasse, die letzte Schweizerischer Herkunft, welche bis in den zweiten Weltkrieg als wichtiges Arbeitspferd eingesetzt wurde - als Zugpferd, im Ackerbau, in der Armee. Mit der Motorisierung und Mechanisierung in Verkehr und Landwirtschaft nahm der Freiberger-Bestand stark ab und erhielt viel später nun dank dem Bedürfnis nach Natur und Freizeitgestaltung wieder Aufschwung.6 Aktuell beschränkt sich die Nutzung von Pferden in der Schweiz in land- und forstwirschaftlichen Arbeiten auf wenige Betriebe. Diese Arbeiten umfassen z. B. Hilfe bei Zaunarbeiten, Holzrücken, Transport oder das Ziehen von Geräten im Futter- oder Ackerbau. Während manche dieser Betriebe das Pferd als Ergänzung zum Traktor nutzen, setzen andere sogar vollumfänglich auf die Pferdekraft.
Welche ökologischen Dimensionen sind denkbar? Im heutigen Stand des ökologischen (und gesellschaftlichen) Wandels würde es sich anbieten, die Aufgaben der Pferde wieder zu überdenken. Denn das Arbeitspferd ist umweltschonend: Einsparung von Diesel, wenig Lärm, schonende Bodenbearbeitung mit wenig (punktueller) Verdichtung und hoher Wendigkeit, Aufwertung und Verwertung von ökologisch wertvollen Flächen (Ökoheu) zu Arbeits-Energie, Förderung der Beziehungen zu Tieren und nicht zuletzt das Aufblühen der bäuerlichen Landwirtschaft, mit Entschleunigung und kleineren Strukturen. Die Entwicklung neuer Technologien und Forschung könnte auch in die Arbeit mit Pferden fliessen, sodass diese keineswegs einen <Rückschritt> bedeuten muss. Zwar ist die Schlagkraft gegenüber dem Traktor auf grossen Flächen geringer und das Pferd braucht tägliche Pflege und eine gute Ausbildung. Trotzdem können sich die Investition und der Unterhalt von Pferden finanziell auszahlen. Insbesondere für Kleinbetriebe, für unwegsames Gelände https://www.agroscope.admin.ch/agroscope/de/home/themen/nutztiere/pferde/haras-forschung-sng/haras-forschung-soziooekonomie-kennzahlen-2023.html https://www.coflchev.ch/Htdocs/Fileslv/6in'.pdf/Symposium-31.03.2021-Pferd-Heimtier-Nutztier_MedienmitteiIung_d-_def.pdf https://tierstatistik.identitas.ch/de/equids.html Reynaud E.. von Niederhäusern R.. Ackermann C. Das Arbeitspferd in der Schweiz: Erhebung 2017. Agroscope 2018.
https://www.tierwelt.ch/artikel/nutztiere/schweizer-pferdefleisch-steckt-in-der-krise-409379 https://www.fm-ch.ch/de/rassenportrait/historisches.html Fiedler F. Ökologische Nachhaltigkeit in der SchweizerPferdebranche. Swiss Equestrian 2022.
bioforumschweiz.ch Kultur und Politik 4>23 > 19 > Tiere oder kleine Parzellen und Spezialkulturen bietet das Pferd eine Alternative zu teuren Maschinen. Mittels eigener Futterproduktion wird weitgehende Autonomie ermöglicht und die Kosten und Emissionen von Kraftstoff werden eingespart. Die Arbeit mit dem Pferd kann also soziale, ökologische und ökonomische Funktionen erfüllen.4 Derzeit fehlen jedoch nicht nur ausgebildeten Fachleute, sondern auch Angebote an Weiterbildungen oder spezifischen Geräten. Auch in der Freizeit- und Sport-Pferdehaltung wird die Frage der ökologischen Nachhaltigkeit gestellt. In verschiedenen Bereichen wird daran gearbeitet, die Pferdebranche umweltfreundlicher zu gestalten. Ansatzpunkte sind zum Beispiel Herstellung und Transport von Futter- und Einstreumitteln, Autofahrten zum Pferdestall, Herstellung und Entsorgung von Pferdezubehör, Wasserverbrauch zur Bewässerung von Plätzen und zum Abspritzen der Pferde, Bodenübernutzung durch intensive Beweidung oder die Entsorgung von Reitplatzböden.7 Was bei dieser Aufzählung nicht enthalten ist: Die endliche Ressource Boden als Fläche für Nahrungsmittel. Pferde als Gross- und Bewegungstiere benötigen viel Platz, und dieser steht in der Haltung als Heimtier für Freizeit und Sport auf landwirtschaftlichen Nutzflächen in direkter Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion.
Eine wichtige Frage in der Beziehung zu Tieren Pferdefleisch wird in der Schweiz gegessen, Regionalität und Schweizer Produktion sind im Trend. Unter diesem Gesichtspunkt wäre eine ehrliche, offene Diskussion über die Schweizer Pferdehaltung angebracht. Ich habe wichtige Beziehungen mit Pferden erlebt, einer Tiergattung, die ähnlich den Hunden und Katzenbereit ist, tiefe Bindungen mit den Menschen einzugehen. Die Vorstellung, diese Tiere später auf dem Teller zu wissen, ist schmerzvoll und verdirbt den Appetit. Allerding habe ich auch Beziehungen zu Kühen, die ich täglich pflege, beobachte, melke, tränke, kraule und gesundhalte. Wie kommt es, dass ich bei den einen das Leben als Nutztier, welches nach einem Tod in gesundem Zustand den Verzehr mit sich bringt, akzeptiere, während dies bei den sogenannten Heimtieren ein Tabu ist? Ich stelle mir diese Frage vermehrt, sie ist in meinem Umfeld präsent und wird unausweichlich an mich herangetragen: Dürfen wir überhaupt gesunde Tiere töten und essen? Immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft verzichten auf Fleisch oder auf tierische Produkte überhaupt. Ist das eine vorübergehende Phase oder wird es in der Zukunft die Norm sein? Was bedeutet das für die Landwirtschaft? Ich beobachte, wie viele Betriebsleitende sich mit dieser Frage auseinandersetzen, einerseits aus Sorge um ihren Absatz, andererseits, weil es eine ungemütliche und persönliche Frage ist. Ich finde, sie gehört auch zu den Pferdebesitzerinnen und -besitzern. Esse ich ein Tier, zu dem ich eine Beziehung habe? Oder darf es jemand anders essen? Falls nein, esse ich überhaupt ein Tier (zu dem möglicherweise jemand eine Beziehung hatte)? Wer weiss, vielleicht geht ja die Tendenz auch zur Kuh mit Heimtierstatus (ähnlich ihrem geschützten Status in hinduistischen Religionen). Sie wird dann auf den Höfen für den Nährstoffkreislauf und die Landschaftspflege eingesetzt, möglicherweise auch als Zugkuh und natürlich als Partnerin des Menschen. • 20 > Kultur und Politik 4>23 —» Ackerbohnen AUGUSTA, STELLA, B10R0 —> Eiweisserbsen EFB.33, FRESNEL, ASTRONAUTE —» Süsslupinen CELINA, BOREGINE —» Sojabohnen OBELIX, GALLEC, PR0TE1X —» Linsen ANICIA (grün), BELUGA (schwarz)
Weiterbildungskurs: Ausserfamiliäre Hofnachfolge statt Betriebsauflösung Für Landwirte und Bäuerinnen ab 55 Jahren, die wollen, dass ihr Hof weitergeführt wird.
Hofnachfolge ausserhalb der Familie • verschiedene Möglichkeiten • rechtliche und finanzielle Fragen • steuerliches Vorgehen • Altersvorsorge & Wohnformen • persönliche und familiäre Bedürfnisse • möglicher Ablauf einer Hofübergabe • Erfahrungsbericht eines Ehepaars Entscheidungsgrundlagen erhalten — Gleichgesinnte treffen 17. Januar 2024, Rothrist 22. Januar 2024, Bertschikon/Winterthur Jeweils 9.15-16.00 Uhr Auskunft und Anmeldung Jakob Vogler, Telefon 061 971 71 21 WWW.HOFNACHFOLGE.CH Ein Angebot der Stiftung zur Erhaltung bäuerlicher Familienbetriebe