Professionell
Hinterfragt Professionell Unser Wortanalyst Jakob Weiss nähert sich kritisch dem Begriff Professionalität, dessen unkritischer Gebrauch böse Folgen hat.
«Diese Informationsveranstaltung hätte man einfach etwas professioneller aufziehen müssen.» Haben Sie einen solchen Satz schon einmal geäussert? Oder vielleicht auch: «Die Neujahrskarte von Daniel ist jetzt aber echt professionell gemacht!» Wenn Sie nicht so reden, so tun es doch fast alle anderen. Man kann irgendwo hinschauen, Professionalität scheint die neue Kardinaltugend geworden zu sein. Nehmen wir einen kürzlich erschienenen «Tages-Anzeiger». Im Teil «Alpha», wo sich wöchentlich Experten darüber ausbreiten, wie Arbeit richtig verrichtet und Firmen gut geführt werden, findet sich unter dem Titel «Gefahrlich blauäugig» ein Artikel zu Professionalität im NonprofitBereich. Das Fettgedruckte lautet: «Der Leistungsdruck ist auch im Nonprofit-Bereich enorm gestiegen, Professionalität ist gefordert - und Führungskräfte wie Mitarbeitende der operativen Ebene erfüllen diese Forderungen oft in hohem Masse. Aber die oberste, ehrenamtliche Ebene droht den Anschluss zu verlieren.» Dies sagt uns der Experte, also der «Profi» seines Faches. Was sollen wir uns darunter vorstellen, wenn Ehrenamtlichkeit professionell werden muss? Es heisst wohl nicht weniger, als dass ich nur noch ehrenamtlich tätig sein sollte, wenn ich auch die Arbeits- und Leistungskriterien der «normalen» - also der Profit-Wirtschaft - akzeptiere und einhalte. Ist das die geglückte Quadratur des Kreises? Oder haben wir nur den Bock als Gärtner vor uns? Mit dem neuen Wort Nonprofit waren doch einst Tätigkeitsbereiche gemeint, in denen die Tugend des Gewinnens nicht zuvorderst stehen muss, wo soziale Hilfeleistung oder ökologisches Engagement wichtiger als Rendite sein dürfen.
Landwirtschaft als Spitzensport Vereine haben immer mehr Mühe, Vorstandsmitglieder zu finden. Kommunalpolitische und kirchenpflegerische Tätigkeit muss zunehmend «entschädigt» werden, weil die damit verbundene Ehre gering geworden ist. Die Leistungen der Hausfrauen hat man im Zuge der Emanzipationsbewegungen aus dem Schatten der Ehrenamtlichkeit - und aus dem Schatten der Ehemänner - herausgeholt und mit Geld beziffert, wenn auch nicht entgolten. Und da können wir jetzt doch gleich auf die Bauern zu sprechen kommen: Obwohl sie oft im politischen Schaufenster stehen, ihr Einkommenjährlich veröffentlicht wird sowie die «Milchproduktion mit Vollgas: Um bei Formel 1 zu gewinnen, braucht es die Unterstützung eines professionellen Teams.» Wortwahl und Bild des Werbeprospekts für professionellen Stallbau decken auf, wo die Landwirtschaft heute steht.
16 > Kultur und Politik 2>o8 Kosten, die sie angeblich verursachen, werkeln sie offenbar auch stark im Verborgenen. Denn der Gesellschaft ist nicht ganz klar, wie «wertschöpfend» ihre Tätigkeit eingestuft werden soll, vordergründig und hintergründig. Bringen sie neben Milch und Kartoffeln ehrenamtlich noch die schöne Landschaft und viele Schmetterlinge hervor? Vielleicht aus dieser Unsicherheit heraus fordert man jetzt auch von den Bauern mehr Professionalität: So wie sie «innovativ» und «wettbewerbsfähig» sein müssen, so sollten sie auch 100% «professionell» arbeiten. Damit wir ihre Leistung besser messen können. Was damit gemeint ist, kann ich einem Beitrag im Lokalteil der gleichen Zeitung entnehmen. Titel: «Ein Bauer überlebt heute nur mit Hightech.» Im Interview zwischen Journalist und Landwirt geht es zuerst um den Milchpreis und damit gleich um die Existenzfrage. Die Existenz wird gewährleistet durch innovatives Verhalten, da ist man sich sofort einig. Auf die Frage, wo und wie denn ein Bauer innovativ sein könne, antwortet der befragte Landwirt: «Wir dürfen uns vor der Technologisierung nicht verschliessen, auch wenn viele Menschen noch die Vorstellung von Ballenberg-Bauern haben, die noch von Hand melken. Die Realität ist aber, dass ein Bauer auf Hightech setzen muss, wenn er überleben will.» Und dann vergleicht er seine 50-Liter-pro-Tag-Kühe mit Spitzensportlern. Da wirkt er äusserst professionell und ist offenbar auch innovativer, als wenn er mit seinem Vieh nurBreitensport betreiben würde. Ist die dahinterstehende Haltung deswegen auch schon die landwirtschaftlich richtige?
Berufsfremde Kriterien versprechen Erfolg Was heisst denn eigentlich professionell? «Profession» heisst schlichtBeruf. Und einen Beruf haben bedeutet, dass man etwas gelernt hat, dass man auch etwas Spezifisches gelernt hat, was den eigenen Beruf von anderen unterscheidet. (Wird es dann allzu viel oder allzu einseitig, dieses Gelernte, sprechen wir allerdings von einer «déformation professionelle».) Sagt man nun einem Berufstätigen, er solle professioneller werden, so sagt man ihm zwischen den Zeilen, er habe keine rechte, keine genügende Ausbildung genossen. Man beleidigt auf feine Art seinen beruflichen Werdegang. Oder aber: Man will ihm Kriterien einer Berufserfüllung überstülpen, die gar nicht zu seinem Beruf gehören. Nun ist es tat¬ sächlich schon so, dass sich Berufsbilder und die entsprechenden Anforderungen verändern, das muss man Bauern heute nicht mehr erklären. Vor 30 Jahren ging es noch ohne Buchhaltung, heute geht die landwirtschaftliche Buchhaltung nicht mehr ohne Computer. Gewisse Berufe sind im Verlauf der Geschichte auch überflüssig geworden, Lampenanzünder und Wagenmacher braucht es heute keine mehr. (Dafür gibt es Portfolio-Manager und Human Ressources Assistenten.) Könnte demnach mit der Forderung nach mehr Professionalität einfach gemeint sein, dass die Bauern ihre berufliche Weiterbildung nicht vernachlässigen dürfen? Nein. Denn wenn Sie demnächst einmal genau hinschauen, in welchem Zusammenhang das Wort verwendet wird, entdecken Sie sogleich, dass hinter der Forderung nach höherer landwirtschaftlicher Professionalität praktisch immer rationalisierende, also zeitsparende und gewinnoptimierende Absichten stehen. (Die eingangs erwähnten Beispiele sind harmlosere, in den Alltag abgewanderte Spielformen davon.) Die Instanz, welche über die richtige oder falsche Professionalität entscheidet, ist der Markt und sein Wettbewerb, oder anders: der finanzielle Erfolg. Sind dies die Leitlinien für gute Landwirtschaft? Ist Spitzensport - und entsprechende Spitzenfütterung - das natürliche Ziel im Stall und auf dem Acker?
Es droht Verunsicherung statt Orientierung Die Drohung: «Werde professioneller oder stirb» liegt heute wie schlechte undtrübe Luft über den Betrieben undmacht viele Bauern unsicher - oder treibt sie in die Scheinsicherheit, im Wettbewerb noch vorne zu sein. Es gibt in diesem zwar attraktiven, aber leeren Wort Professionalität keine klaren Orientierungspunkte, jedenfalls keine, die mit bäuerlicher, oder besser: mit umfassend nachhaltiger, also sozial wie ökologisch wie ökonomisch nachhaltiger Landwirtschaft etwas zu tun hätten. «Professionell» ist genauso ein Leerwort wir «innovativ», beide vernebeln den Blick! Und vergiften das Berufsverständnis der Landwirte, die ja bestimmt wieder lieber Nachbarn zueinander wären statt professionelle Konkurrenten. Jeder Beruf hat seinen ganz eigenen Charakter, sozusagen seine eigene Professionalität, und jeder, der einen Beruf ausübt, prägt ihn durch seine Persönlichkeit und Individualität.
Gerade beim Bauern wirkt sich deshalb die dümmlich-nivellierende Forderung, man solle professioneller werden, buchstäblich tödlich aus. Was ein Bauer als der Mensch, der er ist, und was er während seiner Berufsausübung - in Feld und Stall, bei Sonne und Regen, allein und mit andern zusammen - gelernt und erfahren und für gut oder schlecht befunden hat, all das wird lächerlich gemacht und soll durch unbäuerliche oder landwirtschaftsfremde Kriterien ersetzt werden. Der professionelle Bauer darf nicht mehr auf sich selbst hören, er muss «nahe am Markt» sein und in kluger Vorwegnähme, was die sogenannt strukturbestimmenden Trends sind, seine Entscheidungen treffen, z.B. grösser werden oder den Betrieb lieber morgen als übermorgen dem Nachbarn verpachten oder verkaufen. (Merkt er es nicht selber, möchte die landwirtschaftlich genannte Politik neuerdings mit Boni etwas Sterbehilfe leisten.)
Wenn Professionalität nicht das Gewünschte bringt In der gleichen Zeitung habe ich dann noch eine amüsante Entdeckung gemacht. Es gibt sie offenbar doch, die Bereiche, wo Professionalität unerwünscht ist. Jedenfalls heisst es in einem Inserat der Erotikbranche: «Privatmann sucht liebevolles, sexfreudiges und unkompliziertes Girl oder Lady (18-50-j.) mit eigener Wohnung, ganz privat, keine Profis. 100% Diskretion. Bezahlung nach Vereinbarung.» Da wird also jemand für Unprofessionalität bevorzugt und bezahlt. Könnte es sein, dass auch in der Landwirtschaft Leistungen erbracht werden, die nur in der Nichtprofessionalität ihre Qualität behalten?
Bauer zu sein ist ein Beruf par excellence, im Sinne von Berufung zur Pflege und Gestaltung von Lebenszusammenhängen, die sich marktorientierter Organisation und Verwaltung letztlich entziehen. Bauern hat mit Ungeradem zu tun, ist oft umständlich. Man muss abwarten können, und kaum kommt es vor, dass zweimal das Gleiche passiert, obwohl man seinen Boden nicht verlassen kann - wer möchte im Umgang mit diesen Qualitäten eine einheitliche «Professionalität» entwickeln? Es wäre die nackte Prostitution für den Markt. Und hätte wenig mit «unverdorbener Landschaft» und «gesunden Lebensmitteln» zu tun, jenen schlecht messbaren Werten, die wir mit der Landwirtschaft in Verbindung bringen möchten. Jakob Weiss Kultur und Politik 2>o8 > 17