Teilt Euer Wissen
Wissenstransfer Teilt Euer Wissen Für die Arbeitsgruppe Wissenstransfer stellt Markus Lanfranchi, Biobauer und BioforumPräsident, die Idee und die Hintergründe des Projekts «Teilt Euer Wissen» vor. Mitarbeit und Unterstützung sind gefragt!
Markus Lanfranchi. Seit vor rund 10000 Jahren die Menschen im sogenannten fruchtbaren Halbmond, einer Gegend, die sich vom heutigen Ägypten über Syrien, die Türkei, den Irak bis fast nach Kuwait erstreckt, sesshaft zu werden begannen, haben sie Wissen gesammelt und erst mündlich und später in geschriebener Form weitergegeben. Die Ost-West-Ausrichtung unseres Kontinents (Eurasien) erlaubte es seinen Bewohnerinnen, dieses Wissen vom Mittelmeerraum aus in alle Richtungen zu verbreiten und anzuwenden: im Westen bis nach Spanien und im Osten bis nach Korea. Die klimatischen Bedingungen waren von Ost bis West so ähnlich, dass relativ schnell ein enormer anwendbarer Erfahrungs- und Wissensschatz über die Generationen weitergereicht werdenkonnte. Denken wir nur an die hängenden Gärten von Babylon, die vor fast 3000 Jahren gebaut wurden. Deren Realisierung setzte ein enormes Wissen voraus. Während der Blütezeit der jeweiligen Völker ging diesen jedoch das bäuerliche Wissen zunehmend verloren. Die Produktion der Nahrung wurde an ärmere und machtlosere Volksschichten abgegeben, womit der herrschenden Kaste das Erfahrungswissen über die natürlichen Zusammenhänge abhanden kam. Immer mehr Menschen entfernten sich immer weiter weg von der Scholle. Als schliesslich das römische Reich unterging, kam wieder die kleinbäuerliche Subsistenzwirtschaft zum Tragen. Techniken, Samen und Rassen wurden der neuen Situation angepasst. Im Laufe der Zeit wurde die Nahrung immer effizienter produziert und verteilt - bis sich im Hochmittelalter wieder eine Blütezeit ergab. Wo stehen wir heute? Durch den technischen Fortschritt und die Abhängigkeit von betriebsfremden Treibstoffen wurde enorm viel Erfahrungswissen vordergründig irrelevant. Ein heutiger Landwirt nimmt die Bodenbefindlichkeit kaum mehr wahr, geschweige denn weiss er diese zu beeinflussen - je grösser die Betriebsfläche pro Bewirtschafter, desto weniger bäuerliches Wissen ist tendenziell vorhanden. In den landwirtschaftlichen Ausbildungszent¬ 22 > Kultur und Politik 4>n Erdölfreie Lösimg für das dritte Jahrtausend.
ren wird mit der Stickstoff-Phosphor-KaliDüngerlehre (NPK) bis heute die grobstoffliche Versorgung der Pflanzen mit Nährstoffen gelehrt. Schon vor hundert Jahren wurde diese Landwirtschaft von unseren «Bionieren» als bodenschädigenderkannt.Heute ist bewiesen, dass daraus Fruchtbarkeitsschäden und eine verminderte Qualität der Ernte resultieren. Dennoch scheint die auf Agrochemie basierende Landwirtschaft nur durch die Endlichkeit der Phosphorvorkommen an Grenzen zu stossen. Bereits in 20 Jahren könnte es keinen erschwinglichen Phosphor mehr auf dem Markt geben, und so steht auch die industrielle Landwirtschaft vor gigantischen Veränderungen. Durch die Wissenserosion, die heute im Gleichschritt mit dem sogenannten Strukturwandel stattfindet, gibt es immer weniger Menschen, die anwendbares bäuerliches Wissen in sich tragen, sich dessen bewusst sind und dieses auch weitergeben wollen. Bäuerliches Wissen weiterzuvermitteln, ist seit der Gründung der Jungbauernbewegung in den 1920er Jahren unser Kerngeschäft. Die Sammlung bäuerlicher Wissensschätze steht nicht im Gegensatz zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, sie ist jedoch praxisnäher und so eine sehr wichtige Ergänzung. Vielleicht war es noch nie so dringend wie heute, bäuerliches Wissen zu¬ sammenzutragen und einer möglichst grossen Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Für diesen Zweck suchen wir dringend Menschen, die noch über bäuerliches Wissen verfugen und solche, die dieses sichten und zusammentragen. Und wir brauchen Geld zur Finanzierung des Projekts. Bisher haben wir auf unserer Webseite «Chrut und Chabis» wild durcheinander gesammelt. Weiter macht eine Studentin eine BachelorArbeit zum Thema. Und mit der Landwirtschaftsschule Bio-Schwand ist eine Zusammenarbeit am Anlaufen. Nun muss eine Ordnung in bestehende, bereits eingegangene Informationen gebracht werden. Das «Kultur und Politik»-Archiv muss nach brauchbaren Informationen durchforstet werden. Erfahrene Gärtnerinnen müssen ausfindig gemacht und interviewt werden. Auch das Archiv für Agrargeschichte muss durchsucht werden. Letztlich möchten wir einen Sammelband veröffentlichen - einerseits als wissenschaftliche Arbeit und andererseits als praktische Anleitung zur bäuerlichen Landwirtschaft. Helfen Sie also bitte mit, diesem enorm wichtigen Projekt zum Durchbruch zu verhelfen, indem Sie Wissen zur Verfugung stellen, sammeln oder uns mit einer Spende (bitte Spendenzweck angeben) beglücken. •