Tribüne (2000-2)
Liebe Claudia, mein letzter Brief an Dich hat dem Chueri gar nicht gefallen. Leeres Stroh hätte ich gedroschen, theoretisch dahergefaselt. Das Geschreibsel sei die Tinte nicht wert und würde keinen Menschen vom Stuhl lupfen. Müsste es aber! Warum ich denn nicht über Maurus geschrieben hätte. Jene wahre Begebenheit, von der ich ihm kürzlich berichtet habe. Da wäre Fleisch am Knochen, - solche Geschichten gingen den Leuten unter die Haut und würden nachhaltig verändern. Na ja, - wenn er meint, dann erzähle ich Dir hier vom Kindergärtler Maurus, der vom Fotografen aufgefordert wurde, für das Portrait ein fröhliches Gesicht aufzusetzen und etwas zu lächeln. Tat er aber nicht. Nur noch etwas trostloser dreinblicken, das tat er. Endlich ging der Kindergärtnerin das Licht auf und sie 1iess dem Kleinen sein verbissenes Gesicht. Klar, dachte sie, der Junge schämt sich, weil er ausser Lücken und einigen faulen Stumpen nichts im Maul und somit auch nichts zu lachen hat. Einziger Trost: es gibt noch einige Kinder in der Klasse, die in keinen gesunden Apfel mehr beissen könnten, auch wenn sie einen solchen im Znünitäschli vorfinden würden. Finden sie ja auch nicht. Schoggiriegel und Milchschnitten schon eher, und die kann man saugen. Saugen und lutschen, und damit liegt man voll im Trend... So weit die Geschichte des Maurus. Ja und dann hat Chueri fordernd weiter gestichelt: schreib nur auch noch auf, was das mit Bio Suisse zu tun hat. Schreib, dass Ihr, auch Du und Deine aufmüpfige Claudia mit Euren Beiträgen brav dran zahlt, dass Eure Organisation Fachleute für die Erforschung der modernen Esstrends anstellen kann. Lies mal wieder Euer Fachblatt, das bio aktuell Nr. 8 / 99. Dort ist nachzulesen, dass Bio Suisse auf diese Weise sogenannte «Wachstumspotentiale ortet». Und was das heisst, kannst Du an einer Hand abzählen. Verrückt ist nur, fährt Chueri hitzig weiter, verrückt ist, dass in derselben Nummer berichtet wird, dass die Forschung herausgefunden hat, dass z. B. die Biostangenbohnen noch den typischen Tag - Nacht-Rhythmus durch ihr Blattverhalten anzeigen, während so etwas bei den Hors sol - Bohnen nicht mehr existiert. Und noch verrückter finde ich, - und jetzt wird Chueri immer lauter, noch schlimmer ist, dass beides nebeneinander steht. Unkommentiert! Da weiss offenbar in diesem Laden die Linke nicht, was die Rechte forscht. Nicht einmal die Schreiber bringen Kraut und Rüben mehr zusammen. Und selbst Ihr kritischen Leserinnen und Briefschreiber merkt nicht, dass Ihr vor lauter AIubeutelfragen die Pflanzenblätter nicht mehr abwinken seht. Nur: damit wenigstens die zweiten Zähne des Maurus gedeihen könnten, brauchte er etwas Gesundes zum Beissen. Beissen muss Maurus selber. Wenn aber wir Bauern schon alles trendgerecht in saugfähigem Zustand im Alubeutel anbieten, dann wird er auch künftig nichts zu lachen haben Tja, liebe Claudia, so hat mich Chueri in die Schuhe gestellt und auch Du hast dabei einiges abbekommen. Obwohl, - oder vielleicht gerade weil der Mann sehr grosse Stücke auf Dich hält. Ich bin gespannt, was Du dazu meinst. Bei uns ist «Lothar» zu Besuch gewesen. Er hat mir im Wald einige Aufgaben gestellt. Bei dieser Arbeit kann ich Chueris Predigt grad ein bisschen verdauen. Liebe Grösse Köbi Lieber Köbi, nun fangt Ihr zwei, Chueri und Du, auch schon an, über die Bio Suisse zu wettern, - gerade als ich mir vorgenommen hatte, mich nicht mehr über sie zu ärgern. Denn Aerger macht nur krank, da kommt die beste Bio-Nahrung nicht dagegen an. Der Chueri regt sich auf, dass die Bio Suisse die Herstellung von Fertignahrung bewilligt und dies mit den neuen Esstrends statistisch rechtfertigt. Inzwischen kam ich aber zu der Ansicht, dass Chueri eigentlich froh sein kann, gibt es Bio-Beutel-Fertig-Pizzas und Bio-Büchsen-Bohnen und -Erbsli. Denn Dein Chueri kann vielleicht bald einmal nicht mehr beissen wie mit zwanzig Jahren. Im Büchlein «Mähne im Uind» las ich, er sei gegen die achtzig. Also, - er wird sicher bald froh sein, kann er softy-gekochte Bio-Nahrung schlürfen und lutschen. Aber sag ihm das bitte in einem sorgsam ausgewählten Moment, vielleicht nach einem Gläschen Roten. Ich möchte es ja nicht «verkeiben» mit ihm. Sag ihm, dass das Softy-Bio mit unserem Bio nur noch notbehelfsmässig etwas zu tun hat, nur grad noch für zahnlose Zeiten. Ich frage mich überhaupt, was ich mit jenen Büromenschen in Basel noch Gemeinsames habe. Und ich glaube, dass sie sich umgekehrt dasselbe fragen. Es ist ihnen anscheinend nicht mehr so wohl. IHellt)
leicht fühlen sie sich ein wenig einsam, so weit weg vom Land und den Bergen. Jedenfalls versuchen sie jetzt mit einer Evaluation (wenn ich dieses Mort aussprechen will, bekomme ich fast einen Knopf in meiner Zunge) herauszufinden, warum das so ist und wie sie es ändern könnten. Sie schreiben mir, sie würden gerne den Heg zu uns Stakeholdern wieder finden, sie würden dazu Panelgespräche mit uns führen. Auch Gespräche unter Aufsicht von Experten sind vorgesehen, und alles würde aufgelistet und ausgewertet, und ich dürfe mit ein paar anderen Auserlesenen das Ganze beobachten und begleiten. Sie würden mir sogar Geld geben dafür!
Bei uns war tiefster Hinter, der Strom und das Telefon unter umgestürzten Tannen begraben, als mir der Postier diese Botschaft aus seinem Rucksack klaubte, den er nur umhängt, wenn er die Post zu Fuss vertragen muss. «Ja, ja», dachte ich, «versucht nur eure Brücken aus Papier zu euren Stakeholdern zu bauen... (Stakeholder sind wir Bauern und Bäuerinnen!). Menn ihr mir vorher gesagt hättet, dass ihr gerne etwas näher zusammenrücken möchtet, - ich hätte euch ein paar Tipps geben können. Aber Papier hätte es dazu kaum gebraucht, höchstens ein Zugbill et und gute Schuhe, einen Sonnenhut und Arbeitshandschuhe, damit es nicht so schnell Blasen gibt vom Anpacken. Ich hätte euch als Gegenleistung im Büro z'Basel einen Tag lang geholfen, Couverts zu verpacken und zu bekleben und hätte euch dabei eins gesungen von den Bergen...»
Das dachte ich so bei mir,- telefonieren konnte ich es ihnen ja nicht. Aber vielleicht findet mein Vorschlag über die lange Papierbrücke durch die verschlungenen Drähte des Computersystems doch noch den lieg zu einem Funktionären Bio-Kopf. Plan darf die Hoffnung nie aufgeben, Köbi! Das dachte ich auch, als unsere Kuh Helba Zwillinge zur Melt bringen sollte und ich auf mich allein gestellt Geburtshelferin spielen musste. Es war nicht einfach, aber die Kälblein leben beide, sind munter und hungrig. Ich bin stolz, dass mir das so gut gelungen ist, - wir hatten nämlich auch schon tote Zwillinge. Aus solchen Erlebnissen schöpfe ich Kraft zum Heitermachen und mich weniger zu ärgern über Dinge, die eigentlich so unwesentlich sind im Leben.
So, - nun muss ich noch Gemüse- und Blumensamen bestellen. Der Frühling steht vor der Türe und lockt meine Sinne Richtung Garten.
Bis zum nächsten Mal Claudia Chueri lässt Dir, liebe Claudia zu Deinen Zwillingskälbern herzlich gratulieren. Keine Ahnung, wie der Mann zu Deinem Brief an mich gekommen ist. Da war also gar nichts mit 'günstigen Moment abwarten', und auch von einem Gläslein Roten kann somit nicht die Rede sein. Aber gelacht hat er, der Chueri, gelacht wie ein Schübel, und eine Reihe ungeflickter Zähne wurde sichtbar. Nichts da von zahnlos und Softy-bio-food-Mümmeln. Ein Gebiss zum neidisch werden. Sein Rezept hat er mir auf Anfrage auch gleich verraten. Und jetzt, liebe Claudia, sitz ab oder halt Dich zumindest am Gartenzaun fest. In geschniegeltem Englisch hat mir Chueri nämlich verraten: «An apple a day keeps the doctor away!» Und weisst Du woher er diesen Spruch hat? Siebenmal darfst Du raten. Aus der linken Wochenzeitung WOZ! Der knorrige Chueri hat doch tatsächlich dieses Politblatt abonniert und meldet sich da gar ab und zu mit einem Leserbrief. So scheints auch kürzlich, als diese Zeitung einen grösseren Artikel über den sogenannten Functional Food und Trends in der Lebensmittelindustrie brachte. Im derzeit grassierenden Kampf um Marktanteile ellbögeln neben Bio Suisse noch ein paar weltweite Multis ebenfalls von Basel aus. In jenem Artikel fand Chueri auch obigen Spruch. Auf die Frage, wo er denn Englisch gelernt habe, schüttelte er nur den Kopf. Kann ich gar nicht! Trotzdem hat er jenen Spruch in's 'Züripuuretüütsch' übersetzt. Tatsächlich fand er dann noch jenen Artikel und mit staunenden Augen konnte ich lesen, was der 'Greis mit Biss' den linken Lesern zusammengedichtet hatte:
Iss en Oepfel jede Tag und dis Härzli gumpet dann isch's nämli gar kei Frag din Tokter dä verlumpet wänn du's Bütschgi samt Intel 1igänzspänderchärnli verschlucksch gäge Fettsucht so lupft's au de Wernli sälbscht Novartis mit sim Fönktschenelfuud gaht zum Schluss samt em Emmi Ii Schnyder wäg däm Oepfel Konku(r)ss und das alles will d'WOZ da i ihrem Verriss schribt: de Fönktschenelfuud sei doch nume en Bschiss Klar konnte sich Chueri auch einen Kommentar zu Deinem «Stakeholder-Problem» nicht verkneifen. «Die g| Frau sollte das Ganze wirklich ernst nehmen», s hat er gesagt, «ernst nehmen und einfach ein |p bisschen verkehrt herum anpacken, im Sinne von 'Gang holder Stacke'...»
All the best and see you later Jack the farmer Uebrigens: Du darfst Chueri getrost weiterhin zum alten Eisen zählen. Er gehört als Alteisenverwerter, wie beigelegtes Foto (rechts) zeigt, auch wirklich dazu. Die einen sehen Schrott, andere Hufeisen und ein Mistkarrenrad. Die dritten sehen eine Blume. Und dann gibt es noch jene, die alles zusammen sehen. «Ich glaube», brummelte Chueri in den Bart, «die Claudia gehört zu den letzten, zur Kategorie der Glückspilze!»
Leserbriefe Ich schätze Ihre Zeitschrift sehr. Sie ist die einzige Biozeitschrift, in der eine Diskussion stattfindet und die sich immer wieder auf die ursprünglichen Ideale zuriickbesinnt. Rolf Streit, Galgenen Eine Idee und ein Fünfliber (Nr. 1/2000)
Die Sache mit dem Fünfliber finde ich als einmaligen Beitrag an das Projekt Möschberg okay. (Es dürften auch 10 Franken sein oder mehr.) Punkto Möschberg als Biolandbauzentrum möchte ich im Wesentlichen wiederholen, wie ich es schon 1995 formuliert habe: Das Projekt Möschberg-Biolandbauzentrum wird einen höchst schweren Stand haben, aus verschiedenen Gründen. a) Nur die Pioniergeneration verspürt die hohen Gefühle der MutterMöschberg-Aera. (Mein Vater war als Jungbauer häufig auf dem Möschberg.) b) Als Tagungs- und Bildungszentrum ist es zu klein, als Ausflugsrestaurant ist es nicht vorgesehen. c) Die Verkehrslage ist ungünstig, ein Busbetrieb ist unerschwinglich usw. d) Die Eigenkapitalbasis ist viel zu schmal, um den Betrieb mittelfristig aufrecht zu erhalten. Eine Liaison mit z.B. den Gewerkschaften geht aus ideologischen Gründen nicht. (Im Grossrat hat man mir mehrmals erklärt, warum ich als Selbständigerwerbender ein 'Feind des Volkes' sei.) Und die Biolandbaubewegung ist mit ihrem grossen Wachstum bürgerlicher geworden. e) In unmittelbarer Nähe zum Möschberg ist das berühmte Tagungsund Bildungshotel Schloss Hiinigen und ausserdem das riesige Projekt Rüttihubelbad. Der Appenberg ob Zäziwil ist noch erfolgreicher. Persönlich möchte ich das 'Haus der Biobauern' gerne erhalten. Mit enormen Anstrengungen wird es möglich sein, den Möschberg noch einige Jahre über die Runden zu retten. Jetzt ist noch Zeit mitzureden über das weitere Schicksal des Möschberg, bevor alles in einem Fiasko endet.
Wir wissen es ja: Andere Kreise verdienen Millionen mit den unvergleichlichen Bioprodukten, welche wir doch häufig - wie es so treffend heisst - im Schweisse unseres Angesichtes und mit grossem Idealismus produziert haben. Fazit: Lieber früh als (zu) spät den Möschberg auf eine tragfähige Basis stellen. (Wo bleibt das 'Kulturprozent' der Marktieader?) Die andere Variante ist: Gut verkaufen und den Ertrag (was übrigbleibt) als Stiftungskapital mit Förderzweck deklarieren, um gute Ansätze zu verwirklichen. Die nötigen Zukunftswerkstätten und Hearings können wir an vielen guten Orten durchführen! Ein alter Biobauer und auch Pionier hat mir mal gesagt: Ich stelle mir als 'Gedenkstätte' für die Wiege des organisch-biologischen Landbaus ein Blockhaus aus blossen Weisstannen vor, alles massiv, 30 cm dicke Weisstannenwände (wie beim Karatezentrum Allmendingen), eine permanente Ausstellung über den Biolandbau, was er war, ist und sein soll. Ein Café mit 25 Plätzen, ganz einfach aber gemütlich, betreut von einem Biobauernpaar oder Förderer in Pension. Träger könnte die Stiftung sein. Wer das Wasser nicht am Hals hat kann frohe Lieder singen und Ideen entwickeln und weitertragen. Mit 20 Jahren bio bin ich ein Greenhorn, das istklar. Wenn meine z. T. unkonventionellen Gedanken als Anregung zu Taten verstanden werden, so ist ein Ziel erreicht. Der Glaube kann Berge versetzen, aber niemand glaubt mit vollem Herzen daran! Ich wünsche alles Gute.
U.B.
Lieber U.B.
Dein spontaner Brief verdient eine spontane Antwort! Er gibt mir einmal mehr Gelegenheit zu erläutern, was die Initianten des 'neuen' Möschberg vor 10 Jahren bewogen hat, sich mit diesem alten Haus in grosse Kosten zu stürzen. ZumFünfliber: Da muss ich klarstellen: Der Fünfliber ist nicht als Defizitgarantie oder dergleichen gedacht. Die Idee von Martin Köchli ist, mit diesem Geld - von den Marketingbeiträgen abgezweigt - etwas in der Richtung zu tun, die er in seinen Beiträgen andeutet. Biolandbau ist mehr als Marketing und Optimierung von Direktzahlungen. Als Demeter-Bauer weisst Du das noch besser als ich. Der Vorschlag ist also nicht, den Möschberg zu sponsern, sondern die geistig-kulturelle Seite nicht zu vernachlässigen. Der Möschberg bietet sich allerdings als 'Austragungsort' entsprechender Veranstaltungen an. Ich komme weiter unten noch darauf zurück. Als Tagungszentrum sei der Möschberg zu klein. Das könnte ich akzeptieren, wenn wir von den Biobauern ständig überlaufen wären. Ich habe noch keine Veranstaltung hier erlebt, die wir aus Platzmangel nicht hätten durchführen können. Als im letzten August die Ehemaligen hier waren, haben wir rund 120 Personen versorgt. Natürlich wollten nicht alle übernachten. Das hätten sie aber nicht einmal im Rüttihubelbadgekonnt. Es wäre schön, wenn wir ein paarmal im Jahr unsere 40 Betten mit Biobäuerinnen und Biobauern belegen könnten. Ein Ausflugsrestaurant wollten wir nie sein. Solche gibt es im Emmental genügend. Trotzdem sind die meisten Wochenenden mit Hochzeiten, Taufen, Konfirmationen, Geburtstagen und dergleichen belegt. Das mit der Verkehrslage ist so ziemlich das dümmste, was wir immer wieder zu hören bekommen. Wo ist der Bus zum Chuderhüsi, zum Kuttelbad, zum Löchlibad usw.? An schönenTagen sind diese Bedli trotzdem alle bumsvoll. Ich habe zuviele Sitzungen im Bahnhofbuffet Ölten organisiert und festgestellt, dass die Leute auch dahin mit dem Auto fahren. Jeder Gast, der sich bei uns anmeldet, ist bisher gratis vom Bahnhof abgeholt worden! Also abseits vom Lärm sollen wir sein, aber offenbar gleichzeitig neben dem Bahnhof. Ich kenne kaum eine landwirtschaftliche Schule, die näher an der Bahn liegt als wir. Noch keiner hat gesagt, man könne dort wegen der Verkehrslage nicht tagen. An der Verbesserung der Ertragslage arbeiten wir. Falls Du Beziehungen zu Finanzkreisen hast und uns solche nennen kannst, die, wie im Rüttihubelbad geschehen, Millionen ans Bein streichen, sind wir für solche Adressen sehr empfänglich. Das müssen aber antiquierte Gewerkschafter sein, die einen Selbständigerwerbenden als 'Feind des Volkes' bezeichnen. Kürzlich war die Gewerkschaft GBl bei uns zu Gast und hat gleich wieder gebucht... (Ein kleine Lektion Geschichte: Die Jungbauern sind wegen ihrer Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften aus der BGB ausgeschlossen worden! Deswegen hat es in SVP-Kreisen auch so lange gebraucht, bis die Schwellenangst zum Biolandbau abgebaut werden konnte.) Dass die Biobewegung bürgerlicher geworden ist kann sein. Aber das ist an sich weder gut noch schlecht. Es stimmt, wir sitzen hier mitten in einer ganzen Anzahl zum Teil renommierter Seminarhotels, die seit Jahrzehnten bekannt und eingeführt sind. Den Möschberg in diesem Umfeld als Seminarhaus zu betreiben macht nur Sinn, wenn er von einer Idee getragen ist, die andere so nicht bieten können. «Ökologisch, kritisch, kompetent: Was die Stiftung für Konsumentenschutz als ihr Leitbild diskutierte, wird auf dem Möschberg umgesetzt.» Das hat uns Simonetta Sommaruga ins Gästebuch geschrieben. Die Aussage deckt sich mit vielen anderen Rückmeldungen von Gästen aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten. Es ist richtig, dass es grosse Anstrengungen braucht, ein solches Projekt langfristig zum Erfolg zu führen. Bisher waren es mehrheitlich Gäste aus ganz anderen Segmenten als aus dem Biolandbau, die uns das Überleben gesichert haben. Es wäre schön, wenn sich vermehrt auch diejenige Zielgruppe bei uns melden würde, die wir eigentlich als erste ansprechen möchten: die Biobauern. Aber ich will nicht ungerecht sein. Es gibt wirklich ein paar sehr erfreuliche Ausnahmen von der Regel. Für die Berner Bio Bure liegen wir wahrscheinlich zu nahGanz und gar einverstanden: Lieber früh als zu spät eine tragfähige Basis schaffen. Das Kulturprozent der Marktieader wäre eine prima Idee. Schade, dass wir das denen selber sagen müssen, oder anders gesagt, dass die Bio-Suisse die Idee eines biolandbau-eigenen Bildungshauses bisher nur zögerlich mitträgt. Es wäre für die Biobewegung eine Profilierungsmöglichkeit erster Güte. Mit dem Vorschlag, das Haus zu verkaufen und mit dem restlichen Geld eine Stiftung zu gründen, um gute Ansätze zu verwirklichen, hast Du den Vogel eindeutig abgeschossen. Wenn wir verkaufen, können wir bei den heutigen Liegenschaftspreisen, wenn es ganz gut geht, die Hypotheken zurückzahlen. Natürlich kann man dann Zukunftswerkstätten und Hearings irgendwo durchführen, z.B. 'zwischen zwei Schnellzügen' im Bahnhofbuffet ölten. Aber da unterschätzest Du die Bedeutung des 'Ortes' gewaltig. Damit will ich nicht sagen, dass nur der Möschberg ein geeigneter Ort ist. Jeder Ort kann zu einem 'Kraftort' werden, wenn sich Menschen für ein bestimmtes Anliegen einsetzen. Wir haben hier recht oft Gäste, die etwas in diese Richtung spüren.
Warum irgendwo eine Gedenkstätte bauen, wenn doch schon eine besteht? Eine Ausstellung kann man bei uns jederzeit installieren. Wir haben laufend Ausstellungen, allerdings anderer Art. Ein Museum wollen wir aber bewusst nicht sein. In der Tradition wollen wir insofern sein, als hier ein Ort sein kann, wo wie früher eine Generation zum voraus erkannt wird, was Not tut. Die Wirtschaftpolitik der Jungbauern, das von ihnen geforderte Bodenrecht, der Biolandbau: all das sind Dinge, die hier Jahrzehnte bevor sie allgemein anerkannt wurden, thematisiert worden sind. Dabei ist niemand berühmt und reich geworden. Bekanntlich ist der Schneepflug nicht das bevorzugte Verkehrsmittel, aber er macht die Bahn frei für die Breitenentwicklung. Und da hätte die Biobewegung wahrhaftig noch eine Menge Spurarbeit zu leisten, bis unser Gedankengut Allgemeingut wird und wir nicht als Alibi für eigenes unökologisches Verhalten missbraucht werden. Aber es reicht eben nicht, wie es vor einigen Jahren ein Parteipräsident an einer Wahlveranstaltung gesagt hat: Wir sind eine fortschrittliche Gemeinde. Wir haben sogar zwei Biobauern. - Er selber dachte nicht daran, einer zu werden. Ein ganz einfaches Café mit 25 Sitzplätzen haben wir schon, das ältere Biobauernpaar ist auch schon hier. Frohe Lieder kann man hier auch singen und wer das Wasser am Hals hat, kann bei uns Ideen entwickeln, wie er besser schwimmen lernt. Der Glaube kann Berge versetzen. Wenn Du auch anfängst daran zu glauben, sind wir schon zu zweit. Werner Scheidegger